“Die Neue Linke 95”
Das Manifest
Es ist an der Zeit, eine alternative Politik in Litauen ins Leben
zu rufen. Eben Politik, und nicht Buergerlichkeit, weil diese in den
letzten Jahren eine politische und moralische Inflation in Litauen
durchgemacht hat. Von der Buergerlichkeit zu reden, ohne etwas zu
tun, lassen die Wuerde und das Gewissen einfach nicht zu.
Die Neue Linke 95 – ist eine von der
neuen Generation gegruendete und eine alternative moralische und politische
Haltung einnehmende Bewegung von Menschen, die sich eine auf Menschlichkeit
basierende Politik zum Ziel setzt und nach sozialer Gerechtigkeit
strebt, wie sie derzeit in Litauen nicht gegeben ist.
Die Zahl 95 ist nicht zufaellig. Die Absicht der neuen linken Bewegung
sind 95, und nicht 45 Thesen, die Martin Luther 1517 so entschlossen
an der Wittenberger Kirchentuer angeschlagen hat. Genauso ein Hinweis
auf Dogma 95 von dem daenischen Regisseur Lars von Trier, das dem
komerziellen Kino Widerstand leistende Regisseure Europas vereinigte.
Es ist der Wunsch, sich nicht mit den verschobenen Machtverhaeltnissen
und ueberkommenen Institutionen abzufinden. Und die Tatsache, dass
es 45 Thesen gibt, sagt ueber die Offenheit dieses Manifestes aus
– im Laufe der Zeit mit dem Zuwachs der Mitglieder in der Neuen Linken
werden die restlichen Thesen entstehen.
Die Neue Linke 95 – ist eine sich jeglichem
(und vor allem dem linken) Dogmatismus widersetzende, die Bedeutung
des kritischen Denkens und der Ironie akzentuierende intellektuelle
und politische Bewegung, die aktiv danach strebt, die Ansichten der
Menschen, soziale Praktiken und politische und kulturelle Institutionen
zu veraendern.
1. Die Neue Linke ist keine neue politische Partei.
2. Die Neue Linke ist eine Gruppe der Gleichgesinnten, die in Litauen
die europaeischen linken Ideen wiederbeleben wollen.
3. Uns vereinen die Ideen der sozialen Gerechtigkeit und der sozialen
Verantwortung.
4. Ein Linker zu sein, bedeutet im heutigen Litauen Mut, novatorische
Ansichten und guten Geschmack.
5. Wir glauben, dass Kunst, Wissenschaft und reformiertes Hochschulwesen
Litauen vor der kulturellen Provinzialitaet retten kann.
6. Wir koennen ueber den Fundamentalismus des freien Markts nur lachen
und wollen sie ideologisch und theoretisch herausfordern.
7. Wir bekennen uns zur Gleichberechtigung aller Menschen und deswegen
sind entschlossen, fuer sie im heutigen Litauen zu kaempfen.
8. Wir glauben, dass Litauen ein zivilisiertes Land werden kann, in
dem Fachleute, hochqualifizierte und den oeffentlichen Sektor vertretende
Menschen ein wuerdiges und wohlhabendes Leben fuehren koennen.
9. Wir lehnen die Ksenophobie, den Antisemitismus und den Rassismus
ab.
10. Wir erklaeren dem Sexismus und der Homophobie politischen und
moralischen Krieg.
11. Wir sagen “Nein!” zu der politischen Willenlosigkeit und Traegheit.
12. Es muss eine neue, politisch verantwortliche, tatkraeftige und
das oeffentliche Interesse vertretende Generation von Politikern kommen.
13. Wir tolerieren nicht die passive Verachtung gegenueber den Armen.
14. Die christliche, judaeische, buddhistische und islamische Liebe
und Sorge um die Schwachen und Nottragenden sind die linken Werte.
15. Wir wollen nicht, dass dem Christentum und anderen Religionen
eine reaktionaere und konservative Haltung unterstellt wird.
16. Wir glauben nicht an die veraltete Gegenueberstellung, die unsere
Gesellschaft zu lange moralisch erpresst hatte – das rechte westliche
patriotische Litauen gegen das linke prorussische sowjetische Litauen.
17. Die konsenquente Kritik des Kapitalismus ist kein Flirt mit der
sowjetischen Vergangenheit.
18. Um so mehr ist diese Kritik des Kapitalismus keine Huldigung der
Politik Russlands.
19. Das Verhaeltnis zwischen Litauen und Russland stellt zwar ein
ernsthaftes Problem dar, sollte aber nicht zum Mittelpunkt politischer
Ansichten oder eines politischen Programms werden.
20. Das Unternehmertum ist eine dynamische, den gesellschaftlichen
Wohlstand verschaffende Kraft, das auf Prinzipien der sozialen Verantwortung
und sozialen Gerechtigkeit begruendet werden muss.
21. Wir sagen klares “Nein!” dem Raub und der Privatisierung oeffentlicher
Raeume.
22. Auch als Mitglied der Europaeischen Union wird Litauen kein zivilisiertes
Land werden, wenn nur die Minderheit in der Gesellschaft im Wohlstand
lebt.
23. Wir sind fuer die umgehende Hochschul- und Gesundheitsreform.
24. Klanverhaeltnisse, Armut, Zentralisierung der Macht und das staendige
Erniedrigen der Kollegen in den Universitaeten, Polikliniken und Krankenhaeusern
muessen nach Prinzipien der Meritokratie, demokratischen Regierung
und Klarsicht geaendert werden.
25. Wir muessen uns mit allen Kraeften dem Erniedrigen der im oeffentlichen
und privaten Sektor arbeitenden Menschen zur Wehr setzen.
26. Die heutigen Gehaelter der Mediziner, Polizisten und Sozialarbeiter
sind ein Schlag ins Gesicht der Gesundheits-, Rechts- und Sozialpolitik.
27. Die Interessen der Lehrer, Lektoren, Wissenschaftler und anderer
im oeffentlichen Sektor Arbeitenden werden zuallererst von den Politkern
vertreten, deswegen muessen wir kaempfen, dass die Politiker diese
Interessen auch schuetzen.
28. Der litauische oeffentliche Sektor muss unverzueglich reformiert
werden: der Ausbau der oeffentlichen Dienstleistungen und ihre Qualitaetssteigerung
ist nicht moeglich ohne Modernisierung des oeffentlichen Sektors und
Verbesserung seiner Effektivitaet.
29. Der ungezuegelte Kapitalismus schuf in Litauen vor allem grosse
Kontraste und Ungerechtigkeiten – mit glaenzendem Reichtum auf der
einen Seite und erniedrigender Armut auf der anderen.
30. Das Ziel der Politik ist, der vom Kapitalismus geschaffenen Ungleichheit,
sozialen Isolation und den hierarchischen Machtverhaeltnissen, Widerstand
zu leisten.
31. Der Widerstand gegen den Kapitalismus ist moeglich, weniger, indem
man das private Unternehmertum nationalisiert, sondern viel mehr,
indem man sich fuer politisches Handeln entscheidet, dessen Ziel das
allgemeine Menschengute ist.
32. Wir wehren uns gegen die Privatisierung unseres Lebens und die
Verfremdung zwischen den Menschen, aber auch gleichzeitig gegen die
materialistische Erpressung des Kapitalismus.
33. Im Rahmen des Kapitalismus muss die Politik einen buergerlichen
Widerstand der gesellschaftlichen Atomisierung leisten, anstatt sie
zu foerdern.
34. Veraenderungen in der litauischen Politik sind nur durch Bewusstwerden
der Menschen und soziale Mitarbeit moeglich.
35. Die Kunst soll ironisch, schockierend und zusammenfuehrend sein,
und nicht phantasmagorisch ihre “Geistigkeit” ueberbewerten.
36. Die Kunst soll die Befreiung aus jeglicher geistigen Versklavung
und Begrenzheit foerdern.
37. Wir werden keine Erfolgsidealogie akzeptieren, die auf der sozialen
Gleichgueltigkeit gewachsen ist.
38. Wir sind stolz nicht auf erworbene Macht und Reichtum, sondern
auf unsere Menschlichkeit, soziale Verantwortung und Entschlossenheit,
sich um die anderen zu kuemmern.
39. Die Gewerkschaften muessen aus ihrer Traegheit erwachen und mit
der Durchfuehrung aktiver Reformen beginnen.
40. Wir muessen uns zu Berufszuenften verbuenden – nur so kann man
sich gemeinsam der widerrechtlichen Ausbeutung der Arbeitenden entgegenstellen.
41. Die Neue Linke solidarisiert sich mit Gleichgesinnten in der ganzen
Europaeischen Union und setzt sich zum Ziel, dass Litauen ein anziehendes
Land fuer alle wird, die arbeiten und schaffen wollen.
42. Alle Bereiche der Fortentwicklung Litauens muessen in ihrem Prozess
miteinander koordinieren, und die saubere und gesunde Umwelt ist das
Recht aller, nicht nur der Reichen.
43. Wir sind fuer einen gleichmaessigen Staedteausbau, oekologischen
Landbau, ethischen Handel und sich erneuernde Energiequellen.
44. Die Neue Linke waehlt keinen Mittelweg zwischen dem Sozialismus
und dem Kapitalismus, sondern erklaert einen systematischen Kampf
den die soziale Gerechtigkeit entstellenden Machtinstitutionen.
45. Linke von ganz Litauen, vereinigt euch!
Unterschrieben von:
Jolanta Aidukaite, Rasa Balockaite, Andrius Bielskis, Putinas Bielskis,
Martynas Budraitis, Linas Eriksonas, Skaidrius Kandratavicius, Kestas
Kirtiklis, Ervinas Korsunovas, Tadas Leoncikas, Ausra Pazeraite, Kasparas
Pocius, Daiva Repeckaite, Rasa Seibutyte, Andrius Smalinskas, Dalia
Staponkute, Inga Sniukaite, Nida Vasiliauskaite, Morta Vidunaite,
Jolanta Bielskienė, Džina Donauskaitė, Aušra Budrytė, Tomas Tomilinas,
Karolis Žibas, Algis Davidavičius, Skaidrius Kandratavičius, Loretta
Leonavičiūtė, Tomas Čiučelis